Edward Steichen / Buchrezension

 

Rezensionen wie diese werden üblicherweise nicht in der ersten Person Singular geschrieben; hier geht es kaum anders, denn ich muss die Beschränktheit meines Horizonts gestehen. 

Ab Mitte der 80er Jahre studierte ich Fotografie an der FH Bielefeld, den Namen Edward Steichen kannte ich hauptsächlich vom Hörensagen. Mein Schwerpunkt war journalistische Fotografie, in dieser Klasse gehörte ein Interesse an Politik und Gesellschaft zum guten Ton. Fast unvermeidlich erschien uns das im selben Haus angesiedelte Mode-Design fremd, die stets gut geschminkten Studentinnen dort kamen uns oberflächlich vor. Steichen als Celebrity- und Modefotograf der 20er und 30er Jahre fiel in dieselbe Kategorie.

Meine Freunde und ich schwärmten für den zerknirschten Zweifler und coolen Street-Photographer Robert Frank, nicht für elegante Herren mit Plattenkameras. Der Zeitgeist war undogmatisch links, wir hielten uns für fortschrittlich, übten Gesellschaftskritik – und hatten keinen Schimmer, dass Edward Steichen unser natürlicher Verbündeter hätte sein können. Für uns war Steichen jener, der die Ausstellung „Family of Man“ gemacht hatte, und die hatte kein Geringerer als Roland Barthes vernichtend kritisiert. Damit war der Fall erledigt. Family of Man galt uns als das Machwerk eines alten weißen Mannes, stand unter Kitsch- und Ideologie-Verdacht. Roland Barthes dagegen war eine Autorität, sein Essay „Die helle Kammer“ in meiner Clique Pflichtlektüre. Und gerade weil so einiges darin mir nicht ganz verständlich war – von anderen Schriften des Meisters ganz zu schweigen, ich verstehe sie noch heute kaum – hatte ich eine tiefe Scheu, seinen Autor in Frage zu stellen. Wahrscheinlich, so meine demütige Vermutung als Mittzwanziger ohne besondere Philosophie-Kenntnisse, war ich schlicht ahnungslos.

Dank der Lektüre von Gerd Hurms Steichen-Biografie weiß ich nun, auf welch vertrackte Weise ich tatsächlich keinen blassen Dunst hatte. Denn Roland Barthes hat sein Urteil über „Family of Man“ auf dünne Sachkenntnis gestützt, wahrscheinlich hat er die Ausstellung nie gesehen. Außerdem hielt Barthes jegliche Zeitschriftenfotografie generell für minderwertig gegenüber der Kunst – da war Steichens Medienbegriff und Horizont deutlich weiter.

Edward Steichen war ein Multitalent der Moderne, wie es in der Kunstwelt des 20. Jahrhunderts vermutlich kein zweites gab. Hurm zählt gleich zu Beginn seines Buches auf, was Steichens unwahrscheinliche Bilanz ist: „Kamera-Avantgardist und Kriegsreporter, Kinderbuchillustrator und Pflanzenzüchter, Modefotograf, Museumsdirektor, Ökologe, Konzeptkünstler, Textildesigner und Kurator.“ Dazu käme noch: Galerist, Publizist, Grafikdesigner, Sammler, Pazifist und Atomwaffengegner, Frauenrechtler, Sozialist, Talentförderer, Intellektueller, Bürgerrechtler, Netzwerker. Steichen hatte die Moderne Jahre vor der legendären „Armory Show“ in die USA geholt, sich schon vorher mit Auguste Rodin angefreundet, der ihn „den größten Fotografen unserer Zeit“ nannte. 

Als solcher war er Jahre lang auch einer der höchstbezahlten Fotografen überhaupt, der dennoch nicht zögerte, der Celebrity-Welt den Rücken zu kehren, als sie ihm nicht mehr passte. 1937 kündigte Steichen seinen Vertrag mit Condé Nast, was das Magazin „Time“ verglich mit einem Rückzug Chryslers von der Automobilindustrie oder Metro-Goldwyn-Meiers vom Kino. Steichen erklärte seinen Verzicht mit dem zunehmend sexistischen Frauenbild der Branche, das er nicht mehr beliefern mochte. Statt dessen unterstütze er seine Tochter Kate darin, eine offen lesbische Beziehung zu leben. Später veranstaltete Steichen die erste Ausstellung von Fotografinnen im MoMa, so selbstverständlich wie er sich gegen Antisemitismus und Rassismus einsetzte. 

Der Mann hatte Mumm: Freiwillig hatte Steichen sich zum Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg gemeldet, dort die amerikanische Lutftbild-Aufklärung aufgebaut, aber angesichts der Verwüstungen des Krieges und seiner Mitverantwortung eine schwere Depression entwickelt. Jahrzehnte danach wollte er trotzdem unbedingt wieder an die Front, als 62jähriger: Im Zweiten Weltkrieg und mit der Mission, gegen Totalitarismus und für demokratische Freiheiten einzustehen. Obwohl er eigentlich zu alt für den Kriegsdienst war, machte ihn die Army zum Leiter einer Fotoabteilung im Pazifik. 

Aber auch dieser Einsatz brachte nicht den pazifistischen Effekt, den Steichen erhofft hatte. Die Enttäuschung darüber war der Antrieb, das Projekt „Family of Man“ zu realisieren – eine ästhetisch radikale und politisch visionäre Schau, die immer noch als eine der, wenn nicht die wichtigste Ausstellung in der Geschichte der Fotografie gilt.

Dieser Großtat waren viele kleinere vorausgegangen. Steichen hat Saul Leiter im MoMA ausgestellt – mehr als ein halbes Jahrhundert, bevor Leiter in großen europäischen Museen als Pionier der Farbfotografie gefeiert wurde, und Jahrzehnte bevor 1976 mit William Egglestone wieder ein Farbfotograf vom MoMa geehrt wurde. Steichen kaufte für das MoMa Bilder von Stephen Shore, als der zarte 17 Jahre jung und noch völlig unbekannt war. Steichen förderte auch Robert Frank und setzte sich dafür ein, dass Frank ein Guggenheim-Stipendium bekam – die Basis für das epochale Werk „The Americans“ – die Bibel von uns bildergläubigen und -hungrigen Bielefelder Fotostudenten, die von Steichen nichts wussten, aber wenig hielten. 

Wäre der alte Herr in früheren Jahren Ignoranten wie uns begegnet, hätte er es wahrscheinlich gehalten wie mit allen seinen Kritikern, u.a. Walker Evans, Paul Strand und Harry Callahan: Er lobte ihre Verdienste und bot ihnen öffentlichen Raum für ihre Thesen. Vielleicht hätte uns auch die rätselhafterweise beinahe verschollene Lobrede von Max Horkheimer überzeugt. Nicht dass wir von Horkheimer mehr gekannt hätten als von Steichen oder Barthes, aber Eindruck gemacht hätte der Gottvater der Kritischen Theorie schon. Horkheimer sagte 1958 in Frankfurt zur Eröffnung von „Family of Man“: „Die Werke zeigen, was jeder sieht, ohne dass er seiner inne wird. Das hat die Ausstellung in der Tat mit wirklichen Künstlern gemein, dass sie der Wahrnehmung eine neue Richtung weist.“

Dieses Buch hat meiner Wahrnehmung von Edward Steichen eine neue Richtung gewiesen. Sein Stil ist so schlank, lebensnah und sympathisch wie der junge Steichen mit aufgekrempelten Hemdsärmeln auf dem Cover: Unbedingt lesen!

„Edward Steichen“ von Gerd Hurm, Éditions Saint Paul, 176 S., 19,- €

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